Warum Ihre Gutachtenden nicht alle auf die gleiche Weise bewerten – und was Sie dagegen tun können

von | Juli 28, 2026 | Artikel

Zwei Gutachtende. Dieselbe Bewertungsrubrik. Derselbe Förderantrag. Und trotzdem zwei völlig unterschiedliche Bewertungen. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Dieses Phänomen nennt sich Bewertungsvarianz. Es gehört zu den häufigsten Problemen bei der Begutachtung von Förderanträgen, wird aber selten offen angesprochen. Dabei betrifft es genau das, worauf es beim Grantmaking ankommt: Fairness und Vertrauen. Wenn das Ergebnis eines Antrags stärker davon abhängt, wer ihn liest, als davon, wie gut er ist, verliert Ihr gesamtes Förderprogramm an Glaubwürdigkeit.

Zum Glück ist Bewertungsvarianz kein unlösbares Problem. Sie hat klare Ursachen und lässt sich mit den richtigen Strukturen deutlich verringern. 

Wie groß ist das Problem wirklich?

Viele gehen davon aus, dass eine gute Bewertungsrubrik automatisch zu konsistenten Ergebnissen führt. Die Forschung zeichnet jedoch ein anderes Bild, und das schon seit Langem.

Bereits 2012 fand eine Analyse von über 8.300 Förderanträgen und mehr als 23.000 Einzelbewertungen beim österreichischen Wissenschaftsfonds FWF nur eine geringe Übereinstimmung zwischen Gutachtenden, die dieselben Anträge bewerteten.

Eine deutlich neuere Untersuchung aus dem Jahr 2025 mit knapp 135.000 Begutachtungen bei vier norwegischen Förderorganisationen bestätigt dieses Muster. Selbst nachdem ein Fördergeber gezielt versucht hatte, die Übereinstimmung zwischen Gutachtenden zu erhöhen, lag sie danach immer noch nur bei etwa 29 Prozent.

Das bedeutet nicht, dass Gutachtende schlecht arbeiten. Es bedeutet, dass Bewertungsrubriken allein selten ausreichen, um konsistente Ergebnisse sicherzustellen. Genau hier setzt strukturiertes Prozessdesign an. Mehr dazu, wie sich Fairness in Förderprogrammen messen lässt, finden Sie auch in unserem Artikel Weniger Bauchgefühl, mehr Klarheit: KPIs für gute Förderprogramme.

Die drei häufigsten Ursachen für uneinheitliche Bewertungen

1. Unklare Kriterien

Eine Bewertungsskala von 1 bis 5 klingt einfach. Doch was bedeutet eine 3 wirklich? Ohne konkrete Beschreibungen zu jeder Stufe interpretiert jede Person die Skala anders. Ein Gutachtender versteht eine 3 als solide Mittelklasse, eine andere Person als deutliche Schwäche.

2. Fehlende Kalibrierung

Kalibrierung bedeutet, dass Gutachtende vorab gemeinsam üben, wie sie Anträge bewerten und ihre Ergebnisse miteinander abgleichen. Ohne diesen Schritt bringt jede Person ihren eigenen Maßstab mit. Erfahrene Gutachtende überschätzen dabei häufig, wie gut sie die Skala tatsächlich verstehen. Eine Studie zu Fördermittelverfahren zeigte, dass ein kurzes Kalibrierungstraining sowohl bei unerfahrenen als auch bei erfahrenen Gutachtenden die Übereinstimmung deutlich verbesserte (NIH-Studie).

3. Einfluss durch Teamdynamik

In Begutachtungsgremien entsteht oft eine Dynamik, bei der sich einzelne Meinungen zu stark durchsetzen. Wer zuerst und am lautesten spricht, prägt die Diskussion. Andere Gutachtende passen ihre Bewertung an, um Konflikte zu vermeiden. Das Ergebnis spiegelt dann eher Gruppendynamik als die tatsächliche Qualität des Antrags wider.

Die Folgen uneinheitlicher Bewertungen für Ihr Förderprogramm

Bewertungsvarianz kann direkte Folgen haben. So könnte es passieren, dass ein hochwertiger Antrag abgelehnt wird, nur weil er einer strengeren Person zugeteilt wurde. Ein schwächerer Antrag erhält eine Förderung, weil zufällig eine großzügigere Person ihn bewertet hat. Für Antragstellende fühlt sich das willkürlich an, selbst wenn Ihr Prozess auf dem Papier fair aussieht.

Auch für Ihr Team hat das Konsequenzen. Wenn Gutachtende merken, dass die Ergebnisse von der Zuteilung abhängen, sinkt das Vertrauen in den gesamten Prozess. Und Sie selbst verbringen mehr Zeit damit, Ausreißer im Nachhinein zu erklären, statt sich auf die eigentliche Programmarbeit zu konzentrieren.

Strukturelle Lösungen, die tatsächlich wirken

Der Schlüssel liegt darin, Fairness nicht dem guten Willen einzelner Gutachtender zu überlassen, sondern sie in den Prozess einzubauen. Viele Organisationen setzen dafür bereits auf mehrstufige Begutachtungsprozesse:

Bei Good Grants nutzen 77 Prozent der Kund:innen eine mehrstufige Begutachtung, bei der Anträge mehrere Stufen durchlaufen, etwa eine erste Vorauswahl und eine anschließende Detailbewertung. Das schafft von Anfang an Raum für die Art von Kontrollen und Kalibrierung, die im Folgenden beschrieben werden.

Bewertungskontrollen. Legen Sie fest, wie viele Anträge jede Person bewertet, und stellen Sie sicher, dass sich die Zuteilungen überschneiden. So lässt sich später erkennen, wer im Vergleich zu anderen deutlich strenger oder milder bewertet.

Mindest- und Höchstgrenzen. Grenzwerte für einzelne Kriterien verhindern, dass ein einziges schwaches Merkmal einen insgesamt starken Antrag komplett zu Fall bringt, oder umgekehrt.

Blindbegutachtung. Wenn Gutachtende Name, Organisation oder frühere Förderhistorie der Antragstellenden nicht kennen, konzentriert sich die Bewertung stärker auf den Inhalt des Antrags. Das reduziert unbewusste Vorannahmen deutlich. Wie sich anonyme Bewertung und weitere Scoring-Kontrollen praktisch umsetzen lassen, beschreiben wir ausführlich in unserem Leitfaden für faire Fördermittelvergabe.

Kalibrierungsrunden. Lassen Sie Ihre Gutachtenden vor der eigentlichen Bewertungsrunde gemeinsam zwei oder drei Beispielanträge bewerten und die Ergebnisse besprechen. Solche Kalibrierungsrunden gleichen Maßstäbe an, bevor echte Entscheidungen davon abhängen. Wie ein solcher Workshop konkret ablaufen kann, zeigen wir in Ist Ihr Grant-Review-Prozess wirklich so fair, wie Sie denken?.

Eine moderne Fördermittelmanagement-Plattform wie Good Grants unterstützt genau diese Maßnahmen. Sie können Bewertungsrubriken mit klaren Kriterien hinterlegen, Zuteilungen mit Überschneidungen steuern, Namen für Blindbegutachtung automatisch ausblenden und Bewertungsabweichungen zwischen Gutachtenden auf einen Blick sichtbar machen. So wird Fairness zu einem festen Bestandteil des Prozesses statt zu einer zusätzlichen Last.

Kalibrierung ist keine einmalige Aufgabe

Ein häufiger Fehler: Kalibrierung nur einmal zu Beginn eines Förderprogramms durchzuführen und dann zu vergessen. Bewertungsmaßstäbe verschieben sich im Laufe einer Antragsrunde, besonders wenn viele Anträge nacheinander gelesen werden. Ermüdung, Vergleiche mit vorherigen Anträgen und Zeitdruck beeinflussen die Bewertung schleichend.

Planen Sie deshalb von Anfang an kurze Zwischenchecks während der Bewertungsphase ein. Ein kurzer Abgleich nach der Hälfte der Anträge reicht oft schon aus, um größere Abweichungen frühzeitig zu erkennen und zu besprechen.

Ein Schritt zu mehr Gerechtigkeit 

Bewertungsvarianz lässt sich nicht mit einem einzigen Trick beseitigen. Sie braucht Struktur: klare Kriterien, wiederkehrende Kalibrierung und Transparenz darüber, wie einzelne Gutachtende im Vergleich zueinander bewerten. Jeder dieser Schritte macht Ihr Förderprogramm ein Stück fairer und Ihre Entscheidungen ein Stück nachvollziehbarer.

Schauen Sie sich als Nächstes an, wie konsistent Ihre eigenen Gutachtenden aktuell bewerten. Oft reicht schon ein Blick auf die Verteilung der Bewertungen pro Person, um zu erkennen, wo Kalibrierung am meisten helfen würde. Good Grants unterstützt Sie dabei, aus dieser Erkenntnis Schritt für Schritt konkrete, faire und wirkungsvolle Entscheidungen zu treffen.

Kategorien

Folgen Sie unserem Blog

Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.
Name(Erforderlich)
Katia Ernst

Katia Ernst

Katia is a content specialist for the DACH market at Good Grants. She localises content for German-speaking audiences and writes about awards, grants, and program management. When she’s not working, you’ll probably find her performing improv theatre, practising yoga, or reading a good book at the beach.